Sueddeutsche Zeitung – 08. Jan. 2011
Unsterbliche Schönheit
Der Laimer Bildhauer Christoph Podwinski arbeitet mit traditionellen Materialien wie Holz, Stein und Bronze –
ohne die Moden der Zeit zu beachten
Laim – Hätte die Armbanduhr von Christoph Podwinski Zeiger, er würde sie zurückdrehen.
Wenn der gebürtige Pole mit dem stoppelkurzen rotblonden Haar eins nicht mag, dann ist es, mit der Zeit
zu gehen. Geschwindigkeit ist ihm verdächtig. Dabei wirkt der 1,80-Meter-Mann nicht unmodern. Mit der
Tweed-Schiebermütze, deren Schild er nach hinten trägt, und der sehr englischen Steppweste überm wollweißen
Zopfpulli könnte er für jedes Lifestyle-Magazin posieren, inmitten seines gekalkten Ateliers, das eine
bemerkenswert unscheinbare Armada elektrischen Lichts in warmes Licht taucht. Dieser Bildhauer ist mit
Leidenschaft Traditionalist und man weiß es im Grunde beim ersten Schritt über der Schwelle: Hier hat
sich einer Raum mit nahezu musealem Charakter geschaffen: eine Galerie antiker Schönheitsideale, die
Unsterblichkeit suggerieren, möblieren die Werkstatt gleichermaßen. Es finden sich gemeißelte Charakterköpfe,
idealisierte Männerkörper in Bronze, steinerne Halbreliefs, schließlich ein prachtvolles Löwenhaupt. Erst beim
zweiten Blick offenbart sich dahinter surreales Spiel. In diesem Flachbau eines Hinterhofes an der Laimer
Mathunistraße lebt ganz versteckt eine Zunft fort, die der meisterhaften, alten Bildhauerei.
Podwinski greift mit seinen kräftigen Fingern tief in den Ton-Batzen vor sich und betrachtet ihn, bevor er wieder
aufblickt: „Es ist ein sehr, sehr weiter Weg bis daraus das wird, was Sie hier stehen sehen.“ Erst das Modell aus
Ton, dann die Silikon-, schließlich die Wachsform, die vor dem Guss in Schamottmasse gefüllt wird. Wenn dann außer
Haus beim Bronzeguss etwas schief geht, war alles umsonst. Immer mühseliger gestalte sich die Suche nach geeigneten,
also sehr guten Kunsthandwerkern. „Das Schlimme ist, dass viele solcher hoch qualifizierter Berufe verloren gehen.
“Traurig finde er das. „Alles muss schnell gehen. Wenn die Leute nicht sofort bekommen, was sie wollen, kriegen sie
Stress.“ Zahlen will diese wertvolle Arbeit ohnehin keiner mehr. Nein, nein, fällt sich Christoph Podwinski selbst
ins Wort: „Ich bin kein Weltverbesserer.“ Aber ein Bewahrer. Achtsam sammelt er alles, was ihm in die Hände fällt,
so wie die kunstvoll geschmiedeten Nägel eines niederschlesischen Zisterzienserklosters aus dem 14. Jahrhundert.
Man muss ein Auge auf Podwinskis Vergangenheit richten, um seinen Kunstbegriff zu fassen: Museen seiner Kindheit,
erzählt er, das waren die Kirchen der Heimatstadt Breslau. Es war Nachkriegszeit und gebannt von der reichen sakralen
Kunst, schwärmte der Bub damals gemeinsam mit dem Freund aus, Lindenholz zu schlagen, um daraus nachzuschnitzen, was sie
zuvor in den Gotteshäusern in Ehrfurcht versetzt hatte. Christoph Podwinski war bald schon so kunstfertig, dass sie ihn
als Jugendlichen beauftragt haben, abgegriffene Hände und Füße der Heiligen zu erneuern. Das Dauernde, die über den Moden
stehende Schönheit des Ausdrucks haben ihn seither nicht mehr losgelassen. Nach dem Abitur hatte der Zahnarztsohn keine
Lust mehr, sich ständig mit Lappalien aufzuhalten: „Ich konnte nicht verstehen, dass ich die Bekanntschaft einer Verkäuferin
aufnehmen muss, wenn ich ein paar Strümpfe will.“ Also auf nach Paris, um Kunst zu studieren. Wie das so ist. Er blieb in
München hängen, eines Mädchens wegen. Der Bildhauer Gregor Krug nahm den jungen Mann unter seine Fittiche. „Ich konnte immer
was verkaufen und habe teilweise auch sehr gut verdient“, sagt der Bildhauer. Mit den Jahren hat er sich auch als Restaurator
einen Namen gemacht. Seine hohe handwerkliche Kunst nehme man in Adelskreisen mit entsprechendem Familiensitz zuweilen in
Anspruch. Mal war’s das Schloss in der Provence, dann wieder ein hochherrschaftliches Anwesen in Wiessee. Um die Figuren der
Fassade des Prinzregententheaters hat sich Podwinski ebenso gekümmert wie um die barocke Fassade eines ehemaligen Bankhauses
an der Kardinal-Faulhaber-Straße. Ein sicheres Standbein für einen, der als Autodidakt ins Geschäft eingestiegen ist und der
vielleicht auch deshalb Kunst ohne Handwerk nicht als solche gelten lassen will.
Der 55-Jährige arbeitet mit traditionellen Materialien: Holz, Stein und Bronze. Eines seiner Ausstellungsstücke ist das
hölzerne Haupt des Teufels. Eine bedrohliche Fratze voll emotionaler Wucht. Leicht lesbar sollen seine Werke sein. „Ich mag
es nicht, wenn man die Leute auf Ausstellungen eine Stunde lang volllabert.“
Der Teufel ist aus Podwinskis Frühphase. Mittlerweile hat er sich aufs Surreale verlegt. Aus hartem Stein drängt da ein
Männerporträt, dessen eine Gesichtshälfte einzig konturiert ist von tiefen Rissen. Aus dem Hals eines vollendet geformten
Sitzenden aus Bronze wächst statt eines Kopfes ein Haken, das bröckelnde Kolosseum besteht aus winzigen Oldtimern. Der tanzende
Faun von Pompeji wird bei Podwinski zum Sockel eines Kandelabers, der sich im dahinter gehängten Spiegel betrachtet.
Auch einer wie der gebürtige Pole, oder vielleicht gerade einer wie er, der das Lechzen des Kunstmarktes nach immer Neuem zutiefst
verabscheut, muss Zugeständnisse machen. Kunst als simpler Broterwerb. Neuerdings bietet der Bildhauer auch Porträts auf Bestellung
an. Er zuckt mit den Schultern. Die eigene Büste auf den Sekretär zu stellen, sei gefragt.
Beim Atelierbesuch beherrscht eine lebensgroße Nackte den Raum. Nach hinten zur Brücke gedehnt berührt ihr wallendes Haar den Boden.
Podwinski hat sie in Tag- und Nachtschichten für eine luxuriöse Friseurkette modelliert. Es pressiert. Eigentlich hätte der Künstler
heute gar keine Zeit für das Gespräch gehabt. Da fügt es sich gut, dass die Uhr, die seine Handgelenk eng umspannt, keine Zeiger hat.
- Von Andrea Schlaier -